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Gießener Allgemeine > Gießen  von Sarah Volk  23.02.2026
 

Schwierige Anfänge des Gießener Waldorfkindergartens: Grüne verboten Raumnutzung

Die Gründung war eine Odyssee mit politischen Konflikten. Heute blickt Mitbegründer
Dr. Erdmuth Faber stolz zurück.

Gießen – „Aufräumzeit. Es ist so weit.“ Wenn Erzieherin Misi Weigel das Lied anstimmt und anfängt
aufzuräumen, tun es ihr die Kinder gleich. Im Waldorfkindergarten hat alles seine Zeit. Auch das
Aufräumen. „Wir gestalten die Übergänge durch Lieder“, erklärt Weigel. Statt mit Musik vom Band
geschieht das ausschließlich durch die eigene Stimme. „Und wir machen nachvollziehbare Dinge vor
und stecken die Kinder damit an.“ Dieses Konzept wird im Gießener Waldorfkindergarten schon seit
40 Jahren gelebt.

Vier Gruppen

Heute sind vier Gruppen im Gießener Waldorfkindergarten zu Hause. In zwei der Gruppen werden
jeweils 23 Kinder im Kindergartenalter von drei Jahren bis zur Einschulung betreut. Die anderen
beiden Gruppen sind für jeweils acht Kleinkinder im Alter von einem bis drei Jahren.

Doch bis der Kindergarten im Altenfeldsweg tatsächlich gebaut werden konnte, war es eine Odyssee,
sagt Dr. Erdmuth Faber. Zehn Jahre vor der tatsächlichen Gründung des Kindergartens hatten sich im
Wartezimmer des Allgemeinmediziners einige Eltern zusammengeschlossen und dort eine erste
Waldorfgruppe für ihre Kinder eröffnet.
 

Lange Suche nach Räumen

Die Eltern trafen sich in einer Wohnung oberhalb der Praxis. Doch schon damals war der Wohnraum
in Gießen knapp, weshalb die Gießener Grünen die Nutzung für die Kindergartengruppe verboten.
Faber, der selbst Gründungsmitglied der Gießener Grünen war, trat danach aus der Partei aus und
konzentrierte sich auf den Kindergarten. 1983 wurde der Verein der Freunde der Waldorfpädagogik
gegründet, der bis heute Träger des Kindergartens ist

 

 

Im Februar 1986 dann wurde der Gießener Waldorfkindergarten offiziell in Gießen-Allendorf
eingeweiht. Doch schnell entstand der Wunsch nach größeren Räumlichkeiten mit Platz für mehr
Kinder. Durch Zufall sah jemand aus der Gruppe, dass auf der Planungskarte für Gießen ein
Grundstück im Altenfeldsweg für einen Kindergarten vorgesehen war. „Da konnte die Stadt nicht
Nein sagen, als wir mit unseren Plänen kamen“, sagt Faber.

Neben den Handwerkern übernahmen auch die Eltern viele Arbeiten am Bau des neuen
Kindergartens. Das ist bis heute so geblieben, sagt Vorstandsmitglied und Verwaltungsmitarbeiterin
Tanja Kraus-Sorge. „Der Trägerverein wurde von Anfang an ehrenamtlich von den Eltern geführt. Das
ist nicht selbstverständlich.“ Inzwischen sind auch pädagogische Fachkräfte Teil des Vorstands, damit
die Erfahrung nicht verloren geht, wenn Kinder und damit ihre Eltern den Kindergarten verlassen.
 

Großes Engagement der Eltern

Gemeinsam wird entschieden, welche Spielsachen angeschafft werden. In der Waldorfpädagogik
wird auf Naturmaterialien gesetzt. Plastik und knallige Farben sind absolute Ausnahmen. Bauklötze
sind nur wenig ausgearbeitet, um die Fantasie der Kinder zu stärken. Keine Wände in den
Gruppenräumen stehen im rechten Winkel zueinander. In der Wandfarbe ist Bewegung. Aber die
Regeln sind heute weniger streng als vor 40 Jahren. Kinder dürfen auch andere Spielsachen von zu
Hause mitbringen. „Viele beliebte Sachen lassen sich auch mit Naturmaterialien nachbauen“, sagt
Erzieherin Monique Moeske. „Man lernt, Dinge zu ,waldorfizieren‘.“